Christian Bobst

Editorial, 2014

Sole Mothers of Katutura

Selektionierte "Editorial" 2014

Cecilia (25), Mutter von zwei Kindern, arbeitet heute als Haushaltshilfe bei einer gut  situierten Familie. Sie wohnt in einer etwa sieben Quadratmeter grossen Blechhütte, welche sie von ihrer inhaftierten Mutter übernommen hat, die sie und ihre Schwestern fast zehn Jahre lang an Männer verkaufte.
Dina (28) wurde von ihrem Stiefvater auf die Strasse gestellt. Sie kam bei einer Prostituierten unter und begann ebenfalls, Ihren Körper zu verkaufen. Sie hat zwei Kinder verloren, eins ist ihr geblieben. Seither leidet sie unter mentalen Problemen und muss Psychopharmaka nehmen.
Scholastica (37), Mutter von vier Kindern, wurde mit zwölf Jahren von ihrem Onkel missbraucht. Später wurde sie von einem Freier nach Wien eingeladen. Dort wurde ihr der Pass abgenommen und sie wurde zur Prostitution gezwungen. nach einem Jahr entkam sie. Heute setzt sie sich in einer Organisation für die Rechte von Prostituierten ein.
Trudi (28) sagt, ihre Kinder seinen ihre einzige Freude im Leben. Die Väter ihrer drei Kinder kennt sie nicht. Da die Freier kaum Kondome benutzen, werden die Frauen nicht nur mit dem HI-Virus angesteckt, sondern auch oft schwanger. Manche haben bis zu zehn Kinder.
Maria (23), Cecilia (25) und ihre jüngere Schwester Irene wurden von der Mutter an Männern verkauft. Irene wurde schwanger und rannte davon. Bei einem Abtreibungsversuch mit Pillen wurde sie ohnmächtig und von einem Jungen vergewaltigt. Sie starb im Alter von dreizehn Jahren. Daraufhin zeigten Maria und Cecilia ihre Mutter an und brachten sie ins Gefängnis.
Agnes (25) wurde von ihrem Vater ab vierzehn gezwungen, mit ihm zu schlafen. In der Folge fing die Mutter an zu trinken und begann später, Agnes an Männer zu verkaufen, um ihre Sucht zu finanzieren. Heute muss sich Agnes prostituieren, um ihre drei Kinder zu ernähren, die von Freiern gezeugt wurden.
Alexia (28) wurde ab dem 12. Lebensjahr von ihrem Vater missbraucht. Ihre Mutter starb aus Kummer darüber, der Vater nahm sich das Leben. Die Verwandten sagten, sie bringe Unglück über die Familie und verjagten sie. Alexia prostituierte sich jahrelang, um sich und ihre Kinder zu versorgen. Heute führt sie einen kleinen Laden.

Projektbeschrieb

Im Rahmen eines Langzeitprojekts portraitierte ich 2013 im namibischen Township Katutura alleinerziehende Frauen, welche ihren Körper verkaufen müssen, um sich und ihre Kinder zu versorgen. Es handelt sich nicht um Einzelfälle. In Namibia haben über 50% der Frauen unter zwanzig Jahren bereits ein Kind und über 50% der Kinder wachsen ohne Vater auf. Viele Mütter müssen daher alleine für den Unterhalt der Kinder aufkommen.

Die offizielle Arbeitslosenrate im Land liegt bei 33%, in Wirklichkeit dürfte sie aber über 50% betragen. Für alleinerziehende Frauen ist es deshalb enorm schwierig, eine Arbeit zu finden. Oft sind sexuelle Dienste die einzige Möglichkeit, um etwas Geld für das Nötigste zu verdienen. Die Grenzen zur Prostitution sind dabei fliessend. Die Dienste werden meist im privaten Rahmen oder in Bars und Diskotheken angeboten. Prostitution ist in Namibia illegal. Frauen, die sich verkaufen, können von der Polizei kaum Schutz erwarten. Oft wird ihnen von den Freiern die Bezahlung verweigert, manche werden ausgeraubt, vergewaltigt oder umgebracht. Für die Täter hat dies selten Konsequenzen.

Namibia ist eines der Länder mit der höchsten HIV-Rate der Welt, fast 20% der Bevölkerung ist mit dem Aids-Virus infiziert. Für die Armen, die sich Medikamente nicht leisten können, ist das Virus weiterhin tödlich. So bleiben viele Kinder ohne Mütter zurück und verkaufen sich teilweise schon sehr jung, um sich und ihre Geschwister zu ernähren. Weil Kondome bei den Männern unpopulär sind, bekommen viele dieser Mädchen von ihren Freiern wieder Kinder und stecken sich gleichzeitig mit dem HI-Virus und anderen Geschlechtskrankheiten an.

Krank, schwach und als Prostituierte gebrandmarkt werden diese Mädchen und Frauen von der Gesellschaft stigmatisiert. Auch von der Kirche und vom Staat gibt es kaum Unterstützung. Es schliesst sich ein Teufelskreis, aus dem es selten ein Entrinnen gibt.

Publikationsinformationen

Titel der Arbeit
Sole Mothers of Katutura
Publikation
Die Zeit (Online)
Ausgabe
21.12 2014